Digitalisierung – ein Thema, das gesellschaftliche Resonanz findet, seit Jahren diskutiert und dennoch zum Teil stiefmütterlich behandelt wird. Auch die Immobilienbranche hat lange Zeit geschlafen – bis zur Corona-Pandemie. Wie es mit der Nutzung neuer Technologien im Immobilienbereich nach über einem Jahr Covid-19 aussieht, erfahren Sie in diesem Artikel. 

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie, aber spätestens seit dem ersten Lockdown, ist das Thema Digitalisierung aktueller denn je. Die Verschiebung von alltäglichen Vorgängen in den Remote-Bereich stellte neben Privatleuten auch viele unvorbereitete Unternehmen vor grosse Herausforderungen. Optimistische Stimmen wurden schnell laut, die Pandemie treibe endlich die Digitalisierung voran, mit der wir in Europa im internationalen Vergleich hinterherhinken – mit der Ausnahme von Schweden. 

Auch die Immobilienbranche ist von den Veränderungen durch die Pandemie betroffen, und auch hier bestand die Hoffnung, analoge Prozesse mit einem Digitalisierungsschub zu vereinfachen. Vorbildfunktion und Hoffnungsträger waren dabei besonders PropTech-Unternehmen, die sich durch neue Technologien und Innovation begründen und denen man einen technologischen Vorsprung zugesprochen hatte. Nach über einem Jahr Corona-Pandemie lässt sich hier die erste Bilanz ziehen: Die Bau- und Immobilienbranche hat keinen Digitalisierungsschub erfahren. 

Die gute Nachricht: Der Digitalisierungsgrad nimmt zu 

Eines Vorweg: Laut der Umfrage zum Digital Real Estate Index 2021, hat der Index im Vergleich zum Vorjahr um 0,3 Punkte zugenommen. Besonders die Bereiche Facility-Management-Dienstleistungen und Bewirtschaftung haben in puncto Digitalisierung zugelegt. Lösungen wie Mieterportale, die Automatisierung des Vermietungsprozesses, die Einführung von digitalen Mieterakten, aber auch neue Möglichkeiten im Gebäudebetrieb haben laut Autoren der Umfrage zu einer Verbesserung beigetragen. Inwieweit diese Entwicklung mit der COVID-Situation korreliert, lässt sich jedoch nicht eindeutig sagen.

Allgemein kann mit der Zunahme der im vorherigen Jahr verzeichnete Dämpfer in Bezug auf den Digitalisierungsgrad überwunden werden. “Die leichte Zunahme beruht mitunter darauf, dass sich der Digitalisierungsgrad zwischen den verschiedenen Rollen stärker angleicht”, kommentiert Joachim Baldegger, Studienleiter der Umfrage, die Zunahme des Index. Die Pandemie erwirkte eine breite Anwendung von Kollaborationslösungen und stützte die These all jener, die Behaupteten, dass Zusammenarbeit auf digitaler Basis funktioniere. Mit den guten Erfahrungen ist damit die Basis für einen Kulturwandel in digitaler Hinsicht geschaffen. 

Dennoch unterscheiden sich die verschiedenen Akteure innerhalb der Bau- und Immobilienwirtschaft im Digitalisierungsgrad zum Teil enorm. Während Bewirtschaftung und FM-Dienstleistungenen ein Plus in ihrer Digitalisierungsreife verzeichnen können, ist der Index von Eigentümern und Investoren im Vergleich zum Vorjahr sogar um -0,1 Punkte gefallen.

Was hat sich durch die Pandemie verändert?

Auch wenn der erhoffte Fortschritt ausgeblieben ist, hat die Pandemie auf den Digitalisierungsprozess gewirkt. Die Situation um Corona herum zeigt, dass Investitionen in interne Prozessautomatisierung und in Digitalisierungsprojekte zurückhaltender getätigt wurden. Die Konsequenz ist, digitale Technologien werden weniger stark eingesetzt – Plattformen & Portale bilden hierbei eine Ausnahme. 

Statt auf der internen Prozessoptimierung lag der Fokus auf der Pflege und Verbesserung der Kundenbeziehung. Die Entwicklung sei in Anbetracht der wirtschaftlichen Unsicherheit nachvollziehbar, dennoch mahnen die Experten, dass die Branche aufpassen müsse, nicht noch mehr den digitalen Anschluss zu verlieren. Separiert man Bau- und Immobilienbranche wie im Digitalisierungsindex Mittelstand 2020/2021, lässt sich die Immobilienwirtschaft zumindest im Mittelfeld verorten.

Relevante Technologien werden von Bau- und Immobilienbranche bisher immer noch nicht auf breiter Basis produktiv eingesetzt. Die Phase, in der Marktteilnehmer verschiedene Technologien beobachten und analysieren, ist vorbei, die Technologien können besser eingeschätzt werden. Mit einer verbesserten Beurteilungsfähigkeit fällt aber auch die Entscheidung gegen eine Technologie leichter. 

Der Hype-Zyklus digitaler Technologien

Die aktive Entscheidung gegen eine Technologie wird im Hype-Zyklus von Gartner besonders gut deutlich. Mit der Entdeckung einer neuen Technologie sind zu Beginn grosse Erwartungen verbunden, die mit zunehmendem Erkenntnisgewinn in der Regel in Ernüchterung übergehen. Die Befragten der Digital Real Estate Index Studie identifizieren die Mehrheit der digitalen Technologien im “Tal der Enttäuschung” oder auf dem Weg dorthin.

Ausser Plattformen & Portalen konnten sich in den vergangenen Jahren nach Einschätzung der Befragten noch keine der digitalen Technologien wirklich durchsetzen. Technologien wie Additive Manufacturing, IoT oder auch Blockchain haben die anfängliche Euphorie hinter sich gebracht, können aber mit ihren Anwendungsmöglichkeiten die Nutzer bisher nicht überzeugen. Den grössten Mehrwert sehen die Befragten beim BIM, Data Science und Sensors & Actuators. Anders die Bewirtschaftung, die Virtual & Augmented Reality dem BIM vorzieht. 

Levent Künzi, Co-Founder und CEO von Properti erklärt, warum letztere Technologien für die Bewirtschaftung und Vermarktung besonders attraktiv sind. “Für die Vermarktung von Immobilien bieten Virtual Reality und Augmented Reality interessante Möglichkeiten. Besonders bei Projekten, die sich noch in der Planungs- und Umsetzungsphase befinden, dient die VR-Technologie als sinnvolles Tool, um die noch nicht vorhandene Immobilie für Interessenten erlebbar zu machen. In unserem Alltag als PropTech-Makler nutzen wir die Technologie ganz praktisch, um Wohnungsbesichtigungen vom eigenen Wohnzimmer aus anzubieten.” Augmented Reality bietet sich für die Vermarktung an, da leere Wohnungen digital möbliert werden können.

Trotz der Verschiebung ins Tal der Enttäuschung ist Levent Künzi von dem Potenzial der Blockchain-Technologie überzeugt. “Diese wird in Zukunft für Smart Contracts und das Funding eine wesentliche Rolle spielen. Auch das Maschinelle Lernen sowie Künstliche Intelligenz können grosse Veränderung in der Immobilienbranche bewirken.”

Umsetzung der Digitalisierung bleibt herausfordernd

Dass neue Technologien nicht die breite Anwendung finden, die während des Hypes vorausgesagt worden ist, liegt nicht allein an der Technik an sich. Neben dem technischen Aspekt gibt es für die Digitalisierung einen noch wichtigeren Faktor: Unternehmen müssen transformativ denken und sich fragen, wo man automatisieren und digitalisieren kann, wo eher nicht. 
Die Wirtschaft betrachtet die Digitalisierung oft immer noch als Mechanismus für die Optimierung des Bestehenden, jedoch nicht als Chance für etwas Neues. Digitalisierung ist daher in vielen Unternehmen nicht mehr als die Bemühung, Versäumtes aufzuholen. Zaghafte Digitalisierungsbemühungen verlaufen sich nach einem anfänglich – durchaus positiven – Aktionismus oft ins Leere. Hinter den Entscheidungen zur Digitalisierung stehen immer Menschen, die sich mit grossen Veränderungen mitunter schwertun. Wie schon die Status-quo-Bias aussagt, dass der Status Quo gegenüber Veränderungen übermässig bevorzugt wird, bleiben Menschen gerne bei Gewohntem, auch wenn die Veränderung einen positiven Effekt für das Leben hätte. Für Technologien, die sich vom Höhepunkt der Euphorie in das Tal der Enttäuschung bewegen, ist es umso wichtiger, entsprechende User Cases zu identifizieren, die einen Mehrwert generieren. Erst dann lassen sich Vorteile und Nutzen der Technologie leichter abschätzen und erleichtern somit die Entscheidung für eine Technologie. 

Chancen für PropTechs

Die Corona-Pandemie unterstreicht, wie wichtig die Digitalisierung ist. Die Erkenntnis, dass wir in Zukunft vermehrt auf Digitalisierung setzen müssen, hatten PropTechs schon vor der Krise. Mit Ausbruch der Pandemie und der Verschiebung ins Home Office wünschten sich viele Immobilienunternehmen, sie hätten in der Vergangenheit schon verstärkt auf digitale Lösungen gesetzt. Levent Künzi kommentiert, dass sich mit der Pandemie das Bewusstsein in der Immobilienbranche gegenüber neuer Technologien verändert habe. “Das Erwachen, dass im Bereich der Digitalisierung unbedingt etwas passieren muss, hat uns als PropTech dabei natürlich in die Karten gespielt. Anders als klassische Makler konnten wir direkt digitale Lösungen anbieten, ohne vorher unseren täglichen Geschäftsabläufe umstrukturieren zu müssen.”

Auch andere PropTechs, die Immobilienakteure dabei unterstützen, ortsunabhängiger zu arbeiten, profitieren heute schon von dem Lockdown während der Pandemie. Dazu zählen etwa digitale Dokumentenmanager sowie Anbieter von digitalen Zugangssystemen oder digitalen Kommunikationslösungen zwischen Mieter und Vermieter. Die Pandemie dürfte aber auch Anbietern von smarten Gebäudetechnologien und AR/VR-Lösungen Chancen eröffnen.

Dennoch können sich Anbieter digitaler Lösungen nicht automatisch zu den Gewinnern zählen, hebt der Swiss PropTech Report 2020 der Credit Suisse hervor. Denn auch die jungen und innovativen Player müssen Risiken eingehen, um digitale Technologien voranzutreiben und in klassische Arbeitsprozesse zu implementieren. 
Wenn Risiken als Chance gesehen, und das Potenzial neuer Technologien genutzt wird, können PropTech-Unternehmen nicht nur einen grossen Beitrag zur Digitalisierung starrer Geschäftsmodelle und Prozesse führen, sondern auch als Unternehmen wachsen. 

Zusammenfassen lässt sich Folgendes sagen: Die Digitalisierung schreitet voran, langsamer als erhofft, aber dennoch voran. Der für viele Branchen vorhergesagte Digitalisierungsschub kann für die Bau- und Immobilienbranche nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Investitionen in Prozessautomatisierung und Digitalisierunsgobjekte wurden vermehrt eingestellt, was den Einsatz digitaler Technologien gebremst hat. In den Fokus der unternehmerischen Überlegungen rückte stattdessen vermehrt die Beziehungspflege zum Kunden. 
Als PropTech, das nicht nur nach digitaler Transformation strebt, sondern auch die Kundenbeziehung priorisiert, kann die Pandemie als Anstoss dienen, weiter zu wachsen. Zugleich kann die in manchen Bereichen stattfindende Regression genutzt werden, um den digitalen Vorsprung auszubauen.

 

Möchten Sie immer auf dem neusten Stand bleiben? Sichern Sie sich jetzt gratis Know-How und News rund um das Thema Immobilien:

 

Jetzt Newsletter abonnieren!

 

 

Alle Angaben sind ohne Gewähr. Die Informationen dieser Internetseiten wurden sorgfältig recherchiert. Dennoch kann keine Haftung für die Richtigkeit der gemachten Angaben übernommen werden.